12.06.2017

HRarbeitsrecht: Fragerecht im Vorstellungsgespräch

Bei der Besetzung einer vakanten Stelle treffen unterschiedliche Interessen aufeinander: Während sich der Arbeitgeber möglichst viele Informationen über den Bewerber erhofft, möchte dieser nicht über seine Privatsphäre ausgefragt werden. Wo die Grenzen des Fragerechts in Deutschland liegen, beleuchtet der Artikel unseres Arbeitsrechtsexperten Thomas Dick in der aktuellen Ausgabe unseres Fachmagazins HRinform. Wie es in der Schweiz um das Fragerecht bestellt ist, erfahren Sie im ergänzenden Expertenkommentar von Orlando Meyer, Advokat für Arbeitsrecht und Datenschutz aus Basel.

  • Müssen sich Bewerber alle Fragen gefallen lassen?

Selbstverständlich nicht. Die Fragen müssen einen Bezug zum potentiellen Job haben (berufliche Eignung resp. Verfügbarkeit). Gehen sie darüber hinaus, stellen sie eine Persönlichkeitsverletzung dar. 

  • Welche Fragen sind zulässig?

Von zentraler Bedeutung und damit unproblematisch sind beispielsweise Fragen nach der schulischen und beruflichen Ausbildung/Werdegang. Diese müssen vom Bewerber wahrheitsgemäss beantwortet werden. 

  • Wie sieht es mit Berufsbewilligungen aus?

Auch Fragen nach Führerausweis, Pilotenlizenzen oder anderen Berufsbewilligungen (beispielsweise Zulassung als Rechtsanwalt) sind legitim; ebenso die Frage, ob der Bewerber ein Konkurrenzverbot beim aktuellen Arbeitgeber eingegangen ist. 

  • Wie sieht es mit der Frage nach Zivilstand und Kindern aus?

Das sind zulässige Fragen, braucht der Arbeitgeber diese Daten doch als Grundlage für die Abrechnung mit den Sozialversicherungen und Steuerbehörden. 

  • Welche Fragen sind nicht zulässig?

Nicht erlaubt sind Datenerhebungen über den Lebens- oder Konkubinatspartner wie auch weitere Aspekte des Privatlebens wie Fragen nach Hobbies und Lebensgewohnheiten. 

  • Was ist mit der sexuellen und politischen Ausrichtung oder gar mit der Religionszugehörigkeit?

Grundsätzlich sind solche Fragen absolut tabu. Ausnahmen können sich aber für sogenannte Tendenzbetriebe (kirchliche, erzieherische oder politische Organisationen) ergeben.

  • Fragen bezüglich einer Schwangerschaft?

Diese dürften in aller Regel unzulässig sein, es sei denn, die Gesundheit der Frau resp. des Ungeborenen wäre durch den konkreten Arbeitseinsatz gefährdet. 

  • Und nach Krankheiten?

Derlei Fragen sind nur zulässig, wenn die Erkrankung die Arbeitsfähigkeit konkret einschränken resp. wenn eine Ansteckungsgefahr für die übrigen Mitarbeitenden resultieren würde. 

  • Wie sollen sich Bewerber verhalten, wenn ihnen eine unzulässige Frage gestellt wird?

Grundsätzlich kann die Antwort auf eine unzulässige Frage verweigert werden. Das Dilemma allerdings liegt darin, dass im Normalfall der Bewerber dann keine Chance mehr hat, den in Aussicht gestellten Job zu erhalten. Deshalb spricht man auch vom Notwehrrecht der Lüge. Das ist aber in der Praxis nicht unbestritten.  

 

Dieser Beitrag ist erstmals im Ratgeber «Warum sollte ich für Sie arbeiten?» (Campus Verlag) von Martina Mangelsdorf erschienen. 

 

Über den Autor

Orlando Meyer hat an der Universität Zürich Rechtswissenschaften studiert und 1994 das zürcherische Anwaltspatent erworben. Nach einer 20-jährigen Karriere im internationalen Human Resources Management in verschiedenen Branchen eröffnete er seine auf Arbeitsrecht und Datenschutz spezialisierte Anwaltskanzlei in Basel. Er vertritt Arbeitgeber wie Arbeitnehmer in arbeitsrechtlichen Angelegenheiten. www.orlandomeyer.ch